24 Uurs Zeilrace 2021 – „Alma“ kämpft sich tapfer übers Ijsselmeer: Ein Erlebnisbericht

Eigentlich dachte sich unsere Shark 24 „Alma“, dass sie durch die Umsiedlung vom Steinhuder Meer 2019 an den Dümmer ein noch ruhigeres Seeleben als bis dato führen könnte. Doch offenbar hat sie sich getäuscht, wie man im folgenden Bericht lesen kann …

„Nach einem ereignisreichem Sommerurlaub 2021 auf dem Wattenmeer hoffte ich nun auf einen erholsamen Spätsommer auf meinem Heimatrevier, dem Dümmer. Aber plötzlich fand ich mich auf dem Trailer wieder und wurde von meiner SCD Mannschaft Charlotte und Marco, unterstützt durch Julian erneut in die weite Welt transportiert. Man sprach davon, an der 24 Stunden Regatta auf dem Ijsselmeer teilzunehmen. 412 weitere Boote aller Klassen waren gemeldet.

Auf festgelegten Routenabschnitten sollten von Freitagabend 17:30 bis spätestens Samstag 18:30 so viele Seemeilen wie möglich abgesegelt werden, ohne dass eine Strecke mehr als zweimal gefahren werden durfte.

Hört sich leicht an, ist es aber nicht. Denn das Ziel vor Medemblik darf weder zu früh erreicht werden (man verschenkt Meilen), noch darf man zu spät ins Ziel fahren, denn dann gibt es wieder Meilenabzug. Es galt also, sich einen Kurs auszudenken, der die maximale Geschwindigkeit mit einer größtmöglichen Meilenausbeute sowie der passenden Einlaufzeit ins Ziel bestmöglich kombiniert.

Doch wie sieht der entsprechende Kurs bei vorhergesagten 24- 27 Knoten aus Nord in Verbindung mit einer schönen kurzen aber hohen Ijsselmeerwelle für eine alte kleine Dame wie mich denn aus? Wollte ich das überhaupt? 24 Stunden ohne Erholungspause durch Wellen? Wie stellte sich meine Mannschaft das vor? Wollten die denn gar nicht schlafen oder ´mal etwas essen? Bei durchweg angesagten 6 Windstärken liege ich doch mit meinen schlanken 2 Meter 10 Breite so auf der Seite, dass alle im Cockpit stehen müssen…und wie wollen die denn meine Kombüse nutzen?

Ich bin gespannt, wie meine Mannschaft das lösen will. Pünktlich um 18:30 fahren wir über die Startlinie, sie meinen es also wirklich ernst, obwohl sich ständig die Wellen an meiner Kajüte brechen.  Hoffentlich merken die schnell, dass ich nicht ganz dicht bin.

Die erste Tonne ist mit 2 Schlägen bald erreicht, was wollen sie mir denn nun zumuten? Ah, man hat ein Einsehen, dass das Anbolzen bei dieser Welle hier vor Medemblik in Kombi mit dem Nordwind nicht zu meinen Stärken gehört. Denn an der Tonne angekommen, biegen wir Richtung Enkhuizen nach Süden ab. Was für eine Wohltat für alle, mit 2 Reffs und Fock und mit bis zu 9 Knoten die Wellen abzureiten. Da kommt auch bei mir wieder Freude auf, zumal wir die größeren Yachten überholen können. Daß das Ijsselmeer nicht unendlich ist, weiß meine Mannschaft bei aller Euphorie hoffentlich…was ist, wenn wir in der Nacht wieder gen Norden  hoch müssen? Das hält doch keiner von uns aus!

Der Navigator scheint einen Plan zu haben: Wir fahren durch das Naviduct bei Enhuizen ins Markermeer, denn dort ist es etwas wohl wellengeschützter, wenn auch der Wind dort genauso bläst.

Im Markermeer drehen wir tatsächlich schöne entspannte Runden, sehen Sternschnuppen und jeder wird sich etwas gewünscht haben. Ein bunt beleuchtetes Partyboot versorgt uns mit tiefen Bässen, es ist alles andere als langweilig hier. Dank moderner Navigationshilfen finden wir auch alle abzufahrenden Tonnen. Charlotte schläft tatsächlich ein wenig im Vorschiff. Julian und Marco stärken sich mit zuvor von der Landcrew Conny zubereiteten Schnitzeln und Frikadellen, dazu hören sie tatsächlich auch noch Musik aus der Konserve.

Gegen Morgen ist das entspannte Segeln vorbei, wir müssen wieder hoch ins Ijsselmeer. Die Schleuse ist schnell passiert, ein zweites Reff wird wieder eingebunden und schon geht´s hoch am Wind los. Tatsächlich sind alle sehr gut zufrieden, teilweise scheint die Sonne und der Kurs kann bald so gewählt werden, dass wir mit einem leichten Schrick in den Schoten leicht nördlich von Urk dann an Stavoren vorbei bis kurz vor Den Oever rauschen. Dort angekommen sind aber immer noch 4 Stunden abzusegeln.

Offensichtlich sind die drei ein wenig müde, aber zu früh wollen wir auch nicht ins Ziel fahren. Mittlerweile haben wir neben 2 Reffs auch nur noch die Sturmfock gesetzt. Trotzdem renne ich bei fast halben Wind mit bis zu 7 Knoten übers Meer.

Charlotte und Marco schlagen vor, dass wir uns zwischen Hindeloopen und dem noch in Bau befindlichen Windkraftfeld nahe des Abschlussdeiches aufhalten. Das klingt nach einem Plan, zumal wir dann die letzte Tonne vor dem Ziel raumschots erreichen können, um dann mit achterlichem Wind zu finishen . Doch passt das alles mit der Zeit ??? Hat Julian vielleicht doch Recht, eine Tonne weniger abzusegeln?

Diese Bedenken werden ignoriert, aber bald stellt sich heraus, dass es knapp werden könnte, das Ziel ohne Strafmeilen zu erreichen. Was machen die denn jetzt?

Man nimmt ein Reff ´raus, sogleich fahren wir konstant 7 – 8 Knoten. Das wird aber nicht reichen … als Marco das Wort Spinnaker ausspricht, ist Julian plötzlich hellwach!

Marco bereitet alles vor, und das Ding geht hoch !

Charlotte an der Pinne und Julian an den Schoten geben alles, um mich zu neuen Geschwindigkeitsrekorden zu treiben! Wir düsen mit über 10 Knoten an vielen vorbei, ernten viele hochgereckte Daumen, zu dem Zeitpunkt fahren nur noch 2 andere Yachten  mit Spi.

Wir erreichen das Ziel um 18:20 ! Zehn Minuten bevor wir die Strafmeilen kassiert hätten. Ein wahres „finale furioso“ nach über 24 Stunden  und 132 Seemeilen auf See.

Die enge Einfahrt nach Medemblik meistern die beinahe 300 Yachten ganz gelassen innerhalb der nächsten Stunde. Wir werden von einer Blaskapelle auf einer Schute begrüßt und am Deich rechts und links stehen applaudierende und lachende Zuschauer. Es kommt fast ein wenig „Vendee Globe – ohne foils – Gefühl“  bei allen auf.

Wir haben es geschafft! Die kleine rote „Alma“ ist für den SCD auf dem Ijsselmeer gestartet und hat den 14. Platz in ihrer Gruppe erreicht.“

Aufgezeichnet von Marco Müldner

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